Sonntag, 2. September 2012

Vergebene Chancen


Die Afición könnte mehr: Die Gesellschaft ermutigen ...

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Ein Beitrag von Dr. Andreas Krumbein

Ein wesentliches Merkmal und großes Verdienst der im Blog Stierkampf für Alle publizierten Texte ist die kontinuierliche Auseinandersetzung eines aficionado mit den öffentlichen Auftritten, Äußerungen und Aktionen von Gegnern des Spanischen Stierkampfes, den antitaurinos, die gezielt auf die Abschaffung der corrida de toros und damit, in letzter Konsequenz, auch auf die Abschaffung des Kampfstieres, des toro bravo, hinarbeiten.

Trotz meiner Übereinstimmung mit dem größten Teil der von Philip de Málaga geschriebenen Texte, gibt es Überzeugungsunterschiede in Details und persönlichen Auffassungen, so z.B. hinsichtlich der Art und Weise, wie die aficionados auf öffentliche Auftritte der antitaurinos reagieren und reagieren sollten. Da ich, ebenso wie Philip de Málaga, den öffentlichen Auftritt einer Gruppe von antitaurinos vor Beginn der letzten corrida de toros der diesjährigen feria de agosto in Málaga erlebt habe, nehme ich Philips Angebot wahr, einen Beitrag für seinen Blog zu verfassen und meine Wahrnehmung des Geschehens und meine diesbezüglichen Gedanken und  Schlussfolgerungen zu veröffentlichen.

Wie war die Situation? Vor der plaza de toros in Málaga, befand sich eine Gruppe von zwischen 50 und 100 zum größten Teil schwarz gekleideten Personen, die in Sprechchören Parolen skandierten und eine Vielzahl von Plakaten und Transparenten zeigten. Drei Frauen, die sich einige Schritte vor der Gruppe befanden, äußerten ihre ablehnenden Überzeugungen zum Wesen der corrida de toros, zum Verhalten und zur Einstellung der Besucher von corridas de toros über Megaphone,
und verlangten deren Abschaffung. Einige der Demonstranten hielten ihre Arme nach oben und zeigten ihre geöffneten, rot gefärbten Handflächen .
Auf den Plakaten standen Parolen wie „Basta de Matanzas“ (Schluss mit dem Schlachten), „Stop Uso de Animales“ (Stoppt die Nutzung von Tieren), „Bullfight Abolition“ (Stierkampf Abschaffung), „Los Animales no son Entretenimiento“ (Tiere sind nicht zum Zeitvertreib) und „Basta de Especismo“ (Schluss mit dem Speziesismus). Auf den Transparenten waren die Namen der Organisationen Igualdadanimal und equanimal zu lesen,
die sich dem Aktivismus für die Gleichstellung vom Tier mit dem Menschen und der möglichst umfassenden Zuschreibung von Rechten für Tiere widmen. Ähnliche Aktionen wie in Málaga haben im August dieses Jahres in Pontevedra (Galizien) und in Bilbao (Baskenland) stattgefunden.

Meine ersten Reaktionen waren affektgesteuert: Dagegen muss ich etwas tun! Das ist nicht richtig, was die da machen! Der Schwarze Block! Fast gleichzeitig wurde mir meine Hilflosigkeit bewusst und ich tat nichts besseres, als Photos und Filme mit meiner Pocketkamera zu machen, und im Verlaufe der Zeit wurden mir einige andere Dinge bewusst. In der Gruppe befinden sich überwiegend Frauen. Die Stimmen und Gesichtsausdrücke der einzelnen: Wie kämpferisch, ja unnachgiebig und verbissen, wie verzerrt ihre Gesichter sind, wie sich die Stimmen überschlagen. Es sind auch Ausländerinnen darunter. Mir kam der Gedanke an die Hysterie aufgepeitschter Menschenmassen und das Klischee der linken, modernistischen, gut betuchten Akademiker, die die Gesellschaft umbauen wollen, in den Sinn. Die anderen, die Besucher der bald beginnenden corrida de toros kamen mir ebenso hilflos vor, wie ich selbst es war. Viele photographierten, einige schauten irritiert und verunsichert, die Mehrheit stand nicht vor, sondern hinter den Demonstranten, im Schatten der Bäume, niemand stellte sich der Herausforderung und den Provokationen, es gab zunächst keine Gegenreaktion. Die Afición ist überrascht und ratlos und reagiert zunächst nicht.

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Nach einiger Zeit formierte sich eine gegnerische Gruppe, die ebenso kämpferisch „Fuera, fuera!“ rief und dabei bedrohlich im Takt ihrer Rufe die geballten Fäuste schwang. Ich sah einen Mann, der so tat, als wolle er seine beiden Spielzeug-Banderillas auf die Demonstranten werfen, und der dabei hässlich grinste, was mich beides stark abstieß. Irgendwann kam starke Bewegung in die Situation, als sich die von Anfang an bereitstehende Polizei zwischen die antitaurinos und die Gegenprotestierer stellte und dafür sorgte, dass beide Parteien einen ausreichenden Abstand voneinander einhielten. Die Gruppe der Gegenprotestierer hatte sich spontan formiert, sie bestand ausschließlich aus Männern und, meinem Eindruck nach, aus Angehörigen der unteren sozialen Schichten, ihr Agieren hatte eine Tendenz, die auf mich so wirkte, als könne sich aus diesem Agieren eine Gewalttätigkeit entwickeln. Diejenigen Teile der Afición, die irgendwann reagieren, tun dies auf die falsche Weise.

Ich muss nachdenken! Ist es wirklich nicht richtig, was die antitaurinos da machen? Doch, es ist richtig. Sie geben ihren Überzeugungen im Rahmen der ihnen vom Staat garantierten Rechte Ausdruck, die Demonstration war angemeldet, nach Ablauf des für die Demonstration gesetzten Zeitrahmens war sie zu Ende. Sie versuchen andere dazu zu bringen, ihre eigene Überzeugung anzunehmen. Dass sie dabei unlauter vorgehen, dass sie versuchen andere zu manipulieren, dass sie nicht differenzieren (z.B. welchen Tieren genau, welche Rechte zugestanden werden sollen und ob diese dann immer und ohne Einschränkung eingehalten oder sogar durchgesetzt werden sollen, und wer dann in praktischer Ausübung für die Durchsetzung verantwortlich sein soll), dass sie die Tendenz haben, die Rechte anderer Minderheiten nicht wahren, sondern deren Rechte einschränken zu wollen, möglicherweise durch die Gewalt des Staates selbst, dessen Entscheidungsgremien irgendwann vielleicht geneigt sind, der einen Minderheit zu folgen, um die Entfaltungsmöglichkeiten einer anderen Minderheit zu beschneiden, all das stößt mich ab, manchmal widert es mich an, ebenso wie es mich anwidert, wenn ein aficionado so tut, als wolle er seine Spielzeug-Banderillas auf meine Gegner werfen. Was die antitaurinos tun, ist richtig. Die Art und Weise, wie sie es tun, ist falsch. Doch dass sie die Afición herausfordern und provozieren, ist ihr Recht, und das sollen sie innerhalb des gesetzlichen Rahmens in vollem Umfange nutzen dürfen.

Was hat die Afición dem entgegenzusetzen?

Die antitaurinos sind wenige, doch sie sind gut organisiert. Sie sind medial hervorragend präsentiert, ihre Aktionen, ja ihr Aktionismus, bringen ihnen eine enorme Publicity und einen starken Widerhall im Ausland, ihr Ziel sind diejenigen, die nichts vom Stierkampf verstehen, diejenigen, die neutral sind, und die aufgrund ihrer Unkenntnis leichte Opfer antitaurinischer Manipulationen und der griffigen, undifferenzierten Parolen werden können. Die Forderungen der antitaurinos werden immer stärker in ein theoretisches, weltanschauliches Konzept eingebettet, den Anti-Speziesismus: Eine Abgrenzung des Menschen vom restlichen Tierreich und eine dadurch legitimierte Ausbeutung von Tieren wird abgelehnt, der Mensch ist im wesentlichen auch ein Tier, deshalb müssen allen anderen Tieren, dieselben Rechte zugestanden werden, wie dem Menschen; insbesondere darf der Mensch keine Tiere töten, um sie für seine Zwecke zu nutzen. Als Konsequenz daraus ergeben sich der Veganismus und die generelle Ablehnung, dass Tiere oder tierische Produkte in irgendeiner Form vom Menschen genutzt werden. Diese Charakterisierung ist stark vereinfachend, doch trifft sie den Kern. Erkennbar sind Tendenzen, die gesamte Gesellschaft vom Anti-Speziesismus zu überzeugen oder sie dahin zu bringen, sich mit ihm abzufinden.

Die antitaurinos nutzen auf geschickte Weise Schlagworte der taurinischen Afición um gegen die tauromaquia, die toros, die corrida de toros und gegen die aficionados zu kämpfen. Dazu gehören Parolen wie „La Tortura! Ni arte, ni cultura!“ (Folter! Weder Kunst, noch Kultur!), „Tauromaquia! Tortura! No es diversión!“ (Stierkampfkunst ist Folter! Das ist keine Belustigung!) oder „Respeto ya para los animales!“ (Sofortiger Respekt für die Tiere). Das Töten der Stiere wird in undifferenzierter Weise mit Folter gleichgesetzt, die üblichen Entgegnungen der Afición, dass die tauromaquia Kunst und Kultur sei, werden einfach negiert: „Nein, Du hast Dich geirrt! Das ist eben weder Kunst, noch ist es Kultur!“ Es wird eben so definiert. Dass das Töten der Stiere nichts mit Belustigung, Lustigkeit oder Erheiterung zu tun hat, obwohl beim Stierkampf auch gelacht wird, wird nicht reflektiert, es wird den aficionados einfach unterstellt, dass sie sich am Tod und den Leiden des Stieres erheitern und es wird zur Polarisierung verwendet. Es wird Respekt für die Tiere gefordert, obwohl der aficionado davon überzeugt ist, gerade in einer corrida de toros einem Tier in hohem Maße Respekt zu zollen. Ich erwarte, dass in absehbarer Zeit das Argument, dass die tauromaquia mit zur kulturellen Vielfalt (diversidad) gehört, in gleicher Weise negiert wird.

Von Kunst und Kultur zu sprechen, ohne dies in einen größeren Zusammenhang einzubetten, ist ja auch sehr dünn. Weder die antitaurinos noch aficionados machen klar, was genau sie unter Kunst und Kultur verstehen. Das geht natürlich auch nicht, wenn man sich unvorbereitet einer Gruppe von Gegnern gegenübersieht, die Parolen ruft. Dennoch sollte sich – im Prinzip – jeder aficionado zumindest in Ansätzen darüber bewusst sein, was er eigentlich unter Kunst und Kultur bei der tauromaquia versteht. Es ist auch klar, dass nicht jeder aficionado das für sich selbst leisten kann. Es gibt aber Leute, die sich darüber im klaren sind, die darüber nachdenken und für sich selbst Antworten gefunden haben. Manche haben auch für andere Antworten gefunden. Hervorzuheben ist hier der französische Philosoph Francis Wolff, Professor für Philosophie an der Universität von Paris und Verfasser der Philosophie des Stierkampfes. Bemerkenswert, zusätzlich zur Tatsache, dass eine Philosophie des Stierkampfes, der auch in Spanien äußerst hohe Aufmerksamkeit geschenkt wurde, von einem Nicht-Spanier stammt, ist die Reaktion des Mannes, der für die französische Seite der taurinischen Afición Stellung bezieht. 

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Jedoch: Es mangelt an Austausch über diese Fragestellungen, an ausreichender Vernetzung, an offensiver Darstellung der eigenen Positionen und Überzeugungen in der Öffentlichkeit, an Vorbereitung auf solche Aktionen, wie sie in Málaga von den antitaurinos durchgeführt wurden, obwohl die Aktion vorher angekündigt war, an Mut sich den Provokationen zu stellen. Da wird „Fuera, fuera!“ gerufen, „Lasst uns doch in Ruhe! Haut ab!“. Keiner ruft: „Wir wollen aber Stiere haben! Wir wollen dieses Schauspiel sehen, denn es ist uns wichtig!“ Es kann in einer solchen Situation nicht über die Beweggründe gestritten werden, aber man kann und muss sich öffentlich bekennen, es reicht nicht im Vorbeigehen den Demonstranten schnippisch etwas zuzuzischeln, wie eine Wilmersdorfer Witwe. Doch erfolgreich kann man so nicht sein, wenn jeder alleine agiert.

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Die Afición muss Herausforderungen annehmen! Und sie muss sich organisieren.

Die Afición reagiert nicht oder sie reagiert zu spät. Wenn sie reagiert, dann tut sie es unadäquat. Es muss gesprochen werden darüber, was die Stiere, die toros, ausmacht, woher die corrida de toros in ihrer heutigen Form stammt und welche kulturellen Entwicklungen und Strömungen dazu beigetragen haben, dass sie so ist wie sie heute ist. Es muss gesprochen werden über die Vielzahl von unterschiedlichen Symboliken, die sich in der heutigen corrida de toros vereinigt haben. Der Symbolik der antitaurinos – Sieh meine offenen Hände, ich komme ohne Waffen, wie das Tier, das unbewaffnet ist. Ich lasse mich von Dir schlachten, wie Du das Tier schlachtest, und ich zeige Dir das Blut, das Du vergießt. Und ich kleide mich in Schwarz, wie der Tod, den Du bringst, schwarz ist. – müssen die Symboliken der corrida de toros, die das Leben des Menschen bejahen und das Überleben der Menschen feiern, gegenübergestellt werden. Es muss gesprochen werden über den Sinn von Ritualen, wie sie das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft festigen und dazu beitragen, das Leben übersichtlich zu machen und sich die Richtigkeit der eigenen Überzeugungen und Traditionen bewusst zu machen und sich ihrer zu versichern, so wie die antitaurinos sich der Richtigkeit ihrer Überzeugungen in der Ritualen ihres Aktionismus versichern. Es muss gesprochen werden über den Sinn von Opfern, wie sie in der corrida de toros anklingen. Es muss darüber gesprochen werden, warum die öffentliche Darstellung und das Miterleben des Todes für den Einzelnen und die Gemeinschaft etwas Gutes sein kann.

Weder Kunst noch Kultur sind von sich aus gut. Was daran gut oder schlecht ist, entscheidet das ethische System derjenigen Gesellschaft, in der man lebt, und ein solches System ist Änderungen unterworfen, die von unterschiedlichen Seiten getrieben oder gehemmt werden. Damit die von den antitaurinos betriebenen Unternehmungen zu Werteänderungen innerhalb unseres ethischen Systems nicht fruchten, – Und ich halte die Überzeugungen der antitaurinos für grundfalsch und bin gegen die von ihnen getriebenen Änderungen! – muss die afición sich der ethischen Werte der tauromaquia bewusst sein, ohne dass sie in direkten Konfrontationen Instrument der Auseinandersetzung sein könnten. Doch sie müssen die Basis eines jeden aficionado sein, wenn er glaubwürdig seine Überzeugungen anderen erklären will oder muss. Die toros sind eine Tradition! Na, dann tradiert doch mal! Das geht nicht, ohne das gesprochen, überzeugt und gestritten wird, basierend auf glaubwürdigen Argumenten.

Die größte Gefahr für das Überleben der toros und der tauromaquia sind zwei Dinge: wirtschaftliche Not und Gleichgültigkeit. Das erste steuert die Entscheidung, ob ein potenzieller Besucher einer corrida de toros das Geld dafür ausgeben kann oder ob er es dringender für etwas anderes ausgeben muss oder will. Das zweite steuert, ob sich jemand überhaupt mit dem ersten Punkt befasst. Lobbyismus in dem Sinne, dass ein ganadero prahlt, er habe exzellente Kontakte zur Europäischen Kommission und er könne darüber schon die üblichen Subventionen sicherstellen, sind so passée, wie sie schon immer unlauter waren. Wenn eine Tradition nicht mehr oder nur unzureichend, z.B. unglaubwürdig, mit zu wenig argumentativer Substanz oder ohne Wahrhaftigkeit, an die folgenden Generationen weitergegeben wird, dann wird sie verschwinden, wie das eben so ist, beim zeitlichen Wandel einer Gesellschaft. Es ist zu wenig, wenn die Intellektuellen lediglich einen Sachverhalt bis in extreme Tiefen analysieren, ihn theoretisch in vollem Umfang verstanden haben und sich dann zufrieden der nächsten Analyse zuwenden. Es muss auch eine praktische Umsetzung der theoretischen Erkenntnisse so erfolgen, dass ein großes Spektrum von potenziell Interessierten erreicht wird.        

Die aficionados, also jeder Einzelne, und die Afición, also die Gesamtheit aller aficionados, vergibt jedes Mal eine Chance, wenn sie die Herausforderung durch die antitaurinos nicht als Möglichkeit begreift und sich ihr offensiv stellt, mit einem klaren, offenen und öffentlichen Bekenntnis zu den toros und der tauromaquia und einer festen argumentativen Basis und Kenntnisse der Tradition. So gerüstet, kann es gelingen die Gesellschaft zu ermutigen, den Nutzen der corridas de toros für jeden Einzelnen und die Gemeinschaft zu reflektieren.   

Ich hoffe zwei Dinge: Entweder, dass ich mich mit meiner Einschätzung irre. Das wäre das beste. Oder dass sich möglichst schnell etwas ändert.

Sonst sehe ich, was ich erblicke, wenn ich die antitaurinos betrachte: schwarz!

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Über den Autoren:
DR. ANDREAS KRUMBEIN

Taurinische Biografie

Besonders geschätzte toreros:
  • José Miguel Arroyo "Joselito"
  • Luis Francisco Esplá
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  • Juan José Trujillo
Leitmotiv:
  • "Wenn ein Tier für einen stirbt, muss man hinsehen!"